GesellschaftPolitik

@25.09.12’67.463@ – nur mal angenommen, Bruno Jonas

Nachstehend veröffentliche ich einen Brief, den ich Bruno Jonas zu seinem aktuellen Programm gegeschrieben habe …

Sehr geehrter Herr Jonas,

ich war gestern Abend (am 04.02.2017) in Freising in Ihrem Programm „nur mal angenommen“ und bin aus der Veranstaltung mit dem Bedürfnis gegan­gen, Ihnen meine Einschätzung zu dem was Sie aktuell vortragen mitzutei­len. Nicht zu einzelnen Aussagen, sondern zu dem Gesamtprogramm, weil es nicht unbenannt bleiben darf, was Sie da meiner Einschätzung „anstellen“ („Gänsefüßchen sind modern!“).

Nicht, dass Sie meine Meinung nicht teilen oder vorgetragen haben, ist was mich verstört. Ein Programm wie Ihres muss nicht das aussprechen, was die Zuhörer – geschweige denn einzelne Gäste – hören wollen. Es geht auch nicht darum, dass die auf dem Podium dem Publikum ihr eigene Sprachlosigkeit bei Zustimmung durch heftiges Kopfnicken desselben abnehmen, damit das Publikum dann, allen notwendigen politischen Handelns befreit, sanft in den bequemen Sessel sinken kann. Das beste Programm von Künstler wie Ihnen ist eines, das das Publikum in seiner eigenen Selbstgerechtigkeit erschüttert, dass ihm das Lachen im Halse stecken bleibt und zum eigenen Handeln treibt; immer quer zu dem was erwartete Schlussfolgerung sein könnte.

Wie weit Ihre aktuellen Ausführungen von einem guten Beitrag zu politischen Diskussion entfernt sind, werden Sie am vermeintlichen Höhepunkt Ihres Programms selbst gespürt haben. Kein Klatschen bei der Bemerkung, das sei ein gutes Schlusswort gewesen. Drei Anläufe mit Wiederholungen und zapplige Bewegungen bis das Klatschen kam. Wobei ich gerade diese letzten Aussagen für zutreffend erachte, auch wenn ich befürchte, dass Sie diese nicht auch auf sich beziehen wollten. Ich meine die Texte zu den dummen Dummen und den gescheiten Dummen. Ich habe den Eindruck, die Aussagen – die Sie am Anfang zitiert haben und die Sie ihrer Frau zuschrei­ben – Sie sollten sich nicht so besonders gescheit über andere stellen, haben Sie im Lauf des Programms wohl vergessen. Sie sollten aber diese Grundaus­sage auch auf sich beziehen, wie wir das alle regelmäßig tun sollten.

Unabhängig davon und viel schlimmer aus meiner Sicht ist aber, dass Sie im Laufe des Programms Dinge vortragen, wo mir nicht klar ist, welch Geistes Kind da spricht.

Beispiele:

  • Sie reden gegen die Zusammensetzung des deutschen Parlament auf Grundlage des verfassungsrechtlichen Wahlsystems und fragen, warum die Verlierer aus der Direktkandidatur im Wahlkreis dennoch im Parlament sitzen (dürfen). Und sie machen sich lustig darüber. Man mag die Qualität der Parlamentarier und die Zusammenstetzung der Landeslisten hinterfragen. Vielleicht ist aber gerade das deutsche Wahlsystem deshalb so stark, weil ein Wahlsieg eines Mandats mit 51% Mehrheit und einer von ihnen in Folge vorgeschlagenen 100% Vertretungsgewalt im Parlament, das gesellschaftliche Wollen eben nicht richtig wiederspiegeln würde. Wo blieben die Minderheitenrechte der 49%. Gott sei Dank waren unsere Verfassungsväter mit größerer Weitsicht gesegnet, wie die Lösungen aus Ihr Vortrag.
  • Und zu den Renten. So oberflächlich wie von Ihnen argumentiert, erlebt man das an den dümmsten Stammtischen. Ja wir haben ein Problem mit der kommenden Rentensituation. Das liegt aber nicht daran, dass nicht alle in dem System sind; wenn alle drin wären müsste das System auch für alle Beteiligten Renten auszahlen – und dann? Das Problem ist, dass wir (glücklicherweise) immer mehr ältere Mitbüger(innen) haben und (leider) immer weniger, die die Beiträge zahlen. Das zu lösen wäre geboten und nicht eine Neiddebatte zu befeuern.
  • Ihre Anmerkungen zu Trump, Sie könnten sich kein Urteil erlauben und man müsse abwarten. Und Entsprechendes zu Erdogan. Ein Präsident der einen Bundesrichter im Amt als „sogenannten Richter“ abkanzelt, weil dieser verfassungswidrige Regelungen zurückweist. Über 70 wesentliche Lügen („alternative Fakten“) in gut zwei Wochen Amtszeit und vieles andere mehr.
    Worauf wollen Sie warten, mit einer Stellungnahme.
    Dass Sie sagen, Trump hätte das Dekret zur Einreise ja nur von Ex-Präsdent Obama übernom­men, vermittelt den Eindruck „alles halb so schlimm“ und haltet euch zurück. Was Sie für sich selbst sagen kön­nen ist eines, Sie haben aber auf der Bühne auch eine Verantwortung für Ihre Aussagen. Im ungünstigsten Fall sollten Sie unterstellen, dass Obama das Papier gerade nicht verabschiedet hat. Vielleicht hat er begriffen, was er dann anstellen würde. Vielleicht war das aber doch noch ganz anders.
  • Und dann Ihre Auslassungen zur AfD – , dass deren Aussagen ja gar nicht so verkehrt wären und dass es sicher förderlich wäre, solche Parteien in unseren Parlamenten sitzen zu haben. Mit Verlaub, eine solche Haltung teile ich nicht, den Weg ist man in deutscher Vergan­genheit schon mal gegangen. Richtig ist, dass sich alle Parteien und alle Bürger(innen) mit den anstehenden offenen politischen Fragen lösungsorientiert und ohne Parteiengerangel beschäftigen müssen und Lösungen benötigt werden, die die Gesellschaft als ganzen tragen. Ihr Beitrag ist da bestimmt nicht der gesellschaftlich beste.
  • Weitere Anmerkungen könnten hier folgen. Ich lasse es mal dabei …

Es wird nicht richtiger, wenn die Forderungen und Parolen der AfD von Bruno Jonas voregetragen werden. Sie haben ja versucht dieses Thema deutlich zu machen – was aber leider nicht mit dem notwendigen Erfolg geschehen ist.

Es stärkt mit Sicherheit nicht den politischen Diskurs der heute notwendig ist, wenn Sie Einzelaussagen aus einem extremen Bereich so „hofieren“ (Noch­mals: „Gänsefüßchen sind modern!“). Dass ein solcher Weg hochgefährlich ist, wäre das mindeste, was ich an klarer Positio­nierung in Ihrem Auftritt erwartet hätte. So haben Sie dann möglicherweise wohl auch überhört, mit welchen Unterton von Einzelen im Publikum ihre Aussagen zu Gunsten der AfD und Trump beklatscht wurden. Mancher im Publikum wird mitgenommen haben, selbst Bruno Jonas sieht das mit Trump, AfD, … gar nicht so gefährlich. Ich hoffe und unterstelle zunächst, dass ein solcher Eindruck nicht richtig ist.

Und trotzdem ist es egal, ob das ihre Absicht ist oder nicht – auch hier ist jeder für seine Aussagen vollumfänglich verantwortlich. Sie auf dem Podium genau wie das Publikum unten.

Ich kann Sie bei oben gemachten Anmerkungen nur bitten, ihr Programm im vorgenannten Sinn kritisch zu hinterfragen und Aussagen zu korrigieren oder klarer zu transportieren.

Mit einem unwohlen Gefühl zu Ihrem Auftritt

Roland Degelmann